Was ist Waldorfpädagogik?

Waldorfpädagogik

 

Die von Rudolf Steiner entwickelte Waldorfpädagogik gründet sich auf dem Anspruch, zum einen die Entwicklung und den Charakter des Einzelnen, zum anderen aber auch bestimmte, in jedem Menschen lebende Kräfte und auch die Entwicklung der Menschheit an sich in ihrem Vorgehen zu berücksichtigen. Sie ist Bestandteil der Anthroposophie Steiners, welche eine Wissenschaft vom Menschen unter geistig-seelischen Aspekten darstellt. Die Waldorfpädagogik ist neben der anthroposophischen Medizin, der biologisch-dynamischen Landwirtschaft und vielem mehr nur eine Konsequenz aus Steiners Erkenntnissen über den Menschen. In einer kurzen Darstellung wie dieser kann sie also nur grob charakterisiert werden.

 

Ziel der Waldorfpädagogik ist es, jeden einzelnen Schüler so anzuleiten, dass er sich zu dem entfalten kann, was in ihm veranlagt ist. Das heißt, nicht ein bestimmter Abschluss oder die Kompatibilität zu den Ansprüchen des wirtschaftlich – politischen Systems stehen bei der Erziehung im Vordergrund, es geht vielmehr darum, den Menschen „auf dem Weg zu sich selbst“ zu begleiten, unabhängig davon, ob dies am Ende zu einer Hochschulzugangsberechtigung oder einer Handwerksausbildung führt. Dementsprechend werden die Leistungen auch nicht benotet, denn die Entwicklung des einzelnen lässt sich nicht an der Qualität eines Deutschaufsatzes oder der Lösung der Mathematikaufgaben messen.

 

Die Waldorfpädagogik arbeitet aus einem inneren Verständnis des Menschen heraus. Es sollen nicht allgemeingültige Methoden auf den einzelnen Schüler angewandt werden, vielmehr sollen die Lehrkräfte so ausgebildet sein, dass sie erkennen, was in einem Schüler veranlagt ist und aus der Beobachtung heraus verstehen, wie der Schüler in seiner Entwicklung zu unterstützen ist. Die Anthroposophie „weiß sich zu helfen, wenn sie diese oder jene Eigenschaft am Heranwachsenden wahrnimmt. Sie kann sich eine Vorstellung davon machen, woraus eine solche Eigenschaft kommt und wohin sie weist. Und sie strebt nach einer solchen Erkenntnis des Menschen, dass die Erkenntnis zugleich die Geschicklichkeit gibt, eine solche Eigenschaft zu behandeln. Im Erkennen des Menschen wird dem Erkennenden das Eingehen auf die menschliche Eigenart vermittelt.“ [1] Dabei geht sie davon aus, dass zu jedem Menschen neben seinem physischen Körper bestimmte seelische und geistige Kräfte gehören, die sich in seiner Entwicklung vom Kleinkind zum Erwachsenen nach und nach zu eigenständigen Ebenen – Steiner spricht hier von Leibern- im Menschen etablieren. Zunächst jedoch sind die Kräfte an das körperliche gebunden, sodass die Kleinkindpädagogik alles Lernen mit körperlichen Erfahrungen verknüpft. Der natürliche Trieb des Kindes zur Nachahmung wird damit erklärt und in der Erziehung genutzt. Durch die gegenseitige Abhängigkeit des Körperlichen, Geistigen und Seelischen wirkt sich eine Beeinträchtigung auf einer Ebene auch auf die anderen aus, weshalb eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen notwendiger Bestandteil der Waldorfpädagogik ist. Ein Lernen auf rein intellektueller Basis ist der Anthroposophie nach erst mit der Geschlechtsreife möglich, da sich zu diesem Zeitpunkt die für intellektuelle Arbeit nötigen Kräfte von den körperlichen und seelischen loslösen und separat arbeiten können. Trotzdem wird weiterhin viel Wert darauf gelegt, den Unterricht so zu gestalten, dass alle Kräfte in gleichem Maße genutzt werden, nur dass dies nicht zwangsläufig gleichzeitig geschehen muss. So kann ein fünfzehnjähriger durchaus eine Stunde über einem logischen Rätsel brüten, wenn er danach im Eurythmie- oder Werkunterricht Ausgleich findet. Der Erstklässler hingegen kann seine intellektuellen Fähigleiten nur in Zusammenhang mit körperlicher Tätigkeit nutzen, weshalb beispielsweise das Schreiben aus dem Formenzeichnen, also künstlerisch-nachahmendem Tun, nicht aus dem Denken oder Verstehen heraus erlernt wird. So lässt sich der gesamte Lehrplan „ganz aus der Natur der kindlichen Entwicklung herausgewinnen. Und nur ein Lehrplan, der in dieser Art gewonnen ist, macht den Menschen stark; jeder andere verkümmert seine Kräfte.“ [2]